HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Industrieunternehmen werden zu Stromlieferanten

In Deutschland könnten in den kommenden Jahren Tausende neue Stromproduzenten entstehen. Vier von zehn Industrieunternehmen (45 Prozent) können sich vorstellen, künftig selbst Strom zu erzeugen und an andere Unternehmen oder Privathaushalte zu verkaufen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung von 506 Unternehmen im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. „Die Industrieunternehmen erkennen die Chancen aus der Digitalisierung der Energieversorgung. Für die Unternehmen bieten sich völlig neue Einnahmequellen durch die Energiewende“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. Vor allem größere Unternehmen sehen ein mögliches Geschäftsfeld. Unter den Unternehmen mit 500 oder mehr Mitarbeitern können sich rund zwei Drittel (65 Prozent) vorstellen, selbst Strom zu produzieren und auf dem Strommarkt anzubieten.

Allerdings ist der Großteil der Industrie noch skeptisch. Zwar können sich nur 7 Prozent überhaupt nicht vorstellen, künftig selbst Strom zu produzieren. Aber 48 Prozent sagen, dass sie sich das eher nicht vorstellen können. Dagegen spricht aus Sicht dieser Unternehmen vor allem, dass sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren wollen (64 Prozent) oder die hohen Investitionskosten scheuen (41 Prozent). Daneben werden das Ertragspotenzial als zu gering eingeschätzt (24 Prozent) oder fehlende rechtliche Voraussetzungen beklagt (22 Prozent). Jedes zehnte Unternehmen (10 Prozent), das sich eine eigene Stromproduktion nicht vorstellen kann, gibt als Grund fehlende Technologien zur einfachen Abrechnung an. „Unternehmen müssen nicht alles selbst machen. Die digitale Energiewende ist eine Chance für neue Dienstleistungen, gerade auch kleine und mittelständische Betriebe sollten dazu mit Spezialisten kooperieren“, sagt Rohleder. Industrieunternehmen können zum Beispiel Dritten die Dächer ihrer Produktionshallen vermieten, damit diese dort Solarstrom erzeugen und verkaufen.

Ein ganz anderes, neues Geschäftsmodell steht im Fokus der Hannover Messe (24. April bis 28. April). In einem eigenen Segment, der „Integrated Energy Plaza“ geht es unter anderem darum, wie Unternehmen Geld dadurch verdienen können, dass sie kurzfristig den Energieverbrauch anpassen, um das Stromnetz zu stabilisieren. Das bedeutet zum Beispiel, dass eine Aluminiumschmelze kurzfristig die Produktion hochfährt, wenn viel Wind- oder Solarstrom zur Verfügung steht – und umgekehrt die Produktion in bestimmten Grenzen drosselt, wenn gerade Flaute herrscht. Die Netzbetreiber zahlen aktuell für die Bereitstellung rund 7000 Euro je Megawatt und Jahr, um auf diese Weise die Stabilität des Stromnetzes zu garantieren. Hinzu kommt noch eine Vergütung für den tatsächlichen Abruf. Auch Unternehmen, die weniger Energie verbrauchen als eine Schmelze, können davon profitieren, da künftig vermehrt sogenannte Aggregatoren als Dienstleister eine Vielzahl von Stromverbrauchern koppeln und gegenüber den Netzbetreibern vermarkten. Rohleder: „Durch die Digitalisierung der Stromnetze entsteht gerade ein hochspannender Markt, auf dem auch innovative, technologiegetriebene Start-ups eine große Chance haben. Dazu müssen wir jetzt die regulatorischen Rahmenbedingungen schaffen. Deutschland kann so nicht nur Vorbild für eine ökologische Energiewende sein, sondern auch weltweiter Leitanbieter für entsprechende Technologien werden.“

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